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Portrait Ammar Sahar

24.10.2016

Zuletzt haben wir nur etwas kurz über unseren syrischen Schiedsrichterneuzugang Ammar Sahar berichtet. 

Die "Schiedsrichterzeitung"  des DFB hat nunmehr ein ausführliches Interview mit ihm geführt und in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht.

Wir möchten euch den Bericht nicht vorenthalten und veröffentlichen ihn daher auch hier.

 

Über die Balkanroute in die Berlin-Liga

 

Jeden Tag flimmern die schrecklichen Bilder von Krieg, Zerstörung und Leid in Syrien über die

Bildschirme. An Fußball denkt in dem Land niemand mehr, viele Menschen mussten flüchten. Einer

von ihnen ist Ammar Sahar, den sein Weg Ende vergangenen Jahres nach Berlin geführt hat. Jörg

Wehling stellt den 27-jährigen Syrer vor, der in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat – und

das auch als Schiedsrichter.

Neu in Deutschland, neu in Berlin, eine fremde Kultur und eine völlig anders organisierte Gesellschaft, dazu noch Schwierigkeiten mit der neuen Sprache. Es ist sicherlich keine leichte Aufgabe für Ammar Sahar, als er an diesem Sonntagmittag das Spiel zwischen den Reinickendorfer Füchsen und dem Nordberliner SC leitet, eine Begegnung in der Berlin-Liga, der höchsten Berliner Spielklasse.

Die etwa 250 Zuschauer sehen eine konzentrierte Leistung des Unparteiischen, der mit vier Gelben Karten auskommt und mit seinem Spielverständnis überzeugt. 

„Ein gelungener Start in der Berlin-Liga“, fasst der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Peter Gabor später bei der Spielbesprechung zusammen. Ammar freut sich über das positive Feedback, das er zum Einstieg in die neue Saison erhält.

Es ist zugleich ein Einstieg in eine neue Liga, in ein neues Land, in ein neues Leben. „Die Regeln und das Auftreten auf dem Platz sind kein Problem, aber die schnelle Verständigung mit den Spielern ist eine echte Herausforderung“, erzählt Ammar von seinen Erfahrungen während des Spiels.

Auch wenn der 27-Jährige seit einigen Monaten die neue Sprache lernt, fällt ihm der Wechsel von der Muttersprache Arabisch zum Deutschen noch schwer. Ammar löst das während des Spiels auf seine Weise: „Wenn es auf Deutsch nicht sofort klappt, helfen mir meine guten Englischkenntnisse schnell weiter. Das funktioniert eigentlich immer.“

 

Schiedsrichter-Ausbildung schon in Syrien

Die Schiedsrichter-Tätigkeit begann Ammar vor vielen Jahren, als er noch in Syrien lebte: Seine Heimatstadt Hama (etwa 520.000 Einwohner) liegt im westlich-zentralen Teil von Syrien und ist eine der größten Städte des Landes. In Hama machte er im Jahr 2006 als 17-Jähriger seine ersten Schritte als Schiedsrichter. Für ein Jura-Studium ging er später nach Aleppo, die Leidenschaft für das Pfeifen begleitete ihn weiterhin.

„Die Organisation der syrischen Schiedsrichter war sehr klar geregelt“, erzählt Ammar über die Strukturen in seinem Heimatland. Es gab zwei Treffen pro Woche. Montags trafen sich die Schiedsrichter zum Training, mittwochs stand die Regel- und Videoschulung mit Szenen aus dem syrischen Fußball auf der Tagesordnung. Für jede Region waren jeweils drei Funktionäre zuständig: Neben dem Vorsitzenden gab es einen Verantwortlichen für die Ansetzungen sowie einen für die Regelfragen und für die Ausbildung der Schiedsrichter. „Wir haben sehr viel europäischen Fußball geschaut und uns an den Spitzen-Schiedsrichtern orientiert“, berichtet der Syrer.

Als Schwimm-Trainer in den Libanon

Mit Kriegsbeginn verschlechterte sich im Jahr 2011 die Lage in Syrien rapide. Für Ammar war ein Pendeln zwischen seiner Heimatstadt Hama und seinem Studienort Aleppo aufgrund des Krieges nicht mehr möglich. Er musste sein Studium abbrechen und flüchtete in den Libanon – ein Ziel, das viele Syrer als vorübergehenden Fluchtort wählten. Rund zwei Millionen Syrer befanden sich im Jahr 2015 im kleinen Libanon, das selbst nur über 4,4 Millionen Einwohner verfügte.

Als Schwimm-Trainer besserte Ammar dort sein Einkommen auf. Seine Schiedsrichter-Laufbahn konnte er in den unteren Spielklassen des Libanons dagegen nicht wirklich adäquat weiterverfolgen. Erschwerend kam hinzu, dass das Verhältnis der Syrer und Libanesen belastet sei, berichtet Ammar. 1991 verlor der Libanon den Krieg gegen seinen östlichen Nachbarn. Syrien war bis 2005 die mehr oder weniger von den Libanesen ertragene Ordnungsmacht. „Da war ein syrischer Schiedsrichter natürlich nicht so gerne gesehen“, beschreibt Ammar die Situation damals. Im Jahr 2015 entschloss sich Ammar schließlich, zusammen mit seiner hochschwangeren Frau nach Deutschland zu flüchten. „Mein Leben ist der Sport und nicht die Politik“, fasst Ammar die Motivation für den Weg in das Land des Weltmeisters zusammen. „Ich wollte in ein sicheres Land, wo ich wieder als Schiedsrichter aktiv sein kann!“

Im November 2015 verließ er also den Libanon und kam über das Ägäische Meer von der Türkei nach Griechenland. Er selbst steuerte das Boot! Weiter ging es von Griechenland über die sogenannte Balkanroute bis nach Wien, wo seine völlig erschöpfte Frau am liebsten geblieben wäre. Das Ziel war für Ammar aber immer klar: „Wir gehen nach Berlin!“ Dieses Ziel wäre nach der Ankunft in Bayern fast aus dem Auge geraten, als die dortigen Behörden Ammar zusammen mit seiner Frau in einen Zug in Richtung einer bayerischen Kleinstadt setzten. Erst das Eingreifen eines ihm gut gesonnenen Beamten ermöglichte das Erreichen des Ziels Berlin. Im Februar dieses Jahres kam dort dann auch sein Sohn zur Welt.

 

Die Einstufung als Schiedsrichter

Um den Kontakt zu den Berliner Schiedsrichtern aufzunehmen, ging Ammar den direkten Weg in die Geschäftsstelle des Berliner-Fußball-Verbandes (BFV) und stellte sich vor. Die entsprechenden Papiere zum Nachweis seiner bisherigen Schiedsrichter-Tätigkeit hatte er dabei, es wurden erste Gespräche mit dem Berliner Schiedsrichter-Ausschuss geführt. Aber wo stuft man nun einen Schiedsrichter aus der ersten Liga Syriens ein? „Eine schwere Frage, deren Antwort nur die Praxis zeigen konnte“, berichtet der Berliner Schiedsrichter-Chef Bodo Brandt-Chollé. Nach hervorragender Leistungsprüfung und zwei problemlosen Einsätzen als Assistent in der Landesliga folgte ein Probe-Spiel in der Landesliga. „Schnell war klar, Ammar kann richtig gut pfeifen!“ berichtet Brandt-Chollé. Und auch beim einzigen Manko, der anfangs noch schwierigen Kommunikation mit den Spielern, waren sich die Verantwortlichen sicher: „Das wird schon!“

Wie schnell es zu Verständigungsproblemen kommen kann, hatte sich bei Ammars erstem Spiel in der Landesliga gezeigt: Ein Spieler hatte den Schiedsrichter eine Viertelstunde vor Spielende nach der noch verbleibenden Spielzeit gefragt und bekam den hochgestreckten Daumen als Antwort zu sehen. Ammar hatte gedacht, dass sich der Spieler über eine Szene zuvor beklagen wollte und versuchte ihn mit einem positiven Signal zu beruhigen. Stattdessen war plötzlich etwas Stimmung auf dem Platz, was Ammar aber schnell wieder in den Griff bekam.

Den Berliner Schiedsrichter-Ausschuss konnte Ammar jedenfalls mit seiner Leistung überzeugen, sodass er zu Saisonbeginn in die Berlin-Liga eingestuft wurde. Bei seiner Premiere dort, eben jenem Spiel bei den Reinickendorfer Füchsen, machte Ammar die Absprache mit seinen Assistenten übrigens schon in deutscher Sprache. Dafür hatte er sich extra einen Zettel vorbereitet und darauf die wichtigsten Begriffe notiert. So hilft ihm die Schiedsrichterei auch ein Stück weit beim Erlernen der deutschen Sprache. In einigen Monaten will Ammar zur B1-Sprachprüfung antreten.

Schon jetzt erfolgreich gelungen ist ihm der Einstieg in ein neues Umfeld mit einer völlig anderen Organisation, mit vielen überraschenden Eindrücken. „Ich will mich in dieser Spielklasse etablieren und schauen, was es noch für Möglichkeiten gibt“, sagt der junge Syrer über seine nächsten Ziele. Eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung und eine breite Unterstützung aus dem Berliner Schiedsrichterwesen könnten gute Voraussetzungen dafür sein.

 

Fußball in Syrien

Neben Basketball und Handball gehört Fußball in Syrien zu den beliebtesten Sportarten. Bis zum Kriegsausbruch im Jahr 2011 wurde in zwei nationalen und mehreren regionalen Ligen gespielt. Größter Erfolg des syrischen Fußballs ist der Gewinn der asiatischen Champions League im Jahr 2004 durch den Verein al-Dschaisch. Die Nationalmannschaft rangiert auf der FIFA-Rangliste dagegen nur auf Rang 105 – zwischen Mauretanien und Kirgisistan. In der Qualifikation für die WM 2018 ist man aber bislang recht erfolgreich: Obwohl die Heimspiele fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Oman absolviert wurden, steht das Land in der finalen Gruppenphase für die Teilnehmer aus Asien. Für die Spiele der rund 120 Vereine im Land standen im Jahr 2011 in Syrien rund 350 Schiedsrichter zur Verfügung. Kulissen von 20.000 Zuschauern waren insbesondere bei Spielen in der Hauptstadt Damaskus keine Seltenheit. „Das Niveau der syrischen Top-Liga ist bei den Spitzenspielen mit dem Niveau der 3. Liga in Deutschland vergleichbar“, vergleicht Ammar das Spielniveau beider Länder.